Es gibt einfach Menschen, die sind zu Unternehmern und Chefs geboren und es gibt Menschen, die sind als Arbeitnehmer geboren und darauf angewiesen, dass ihnen jemand sagt, was sie tun müssen und sie entlöhnt. 100 Jahre nach dem ersten Weltkrieg steckt diese vertikale Art der Welteinteilung tatsächlich noch in vielen Köpfen. Dass mittlerweile pickelbestückte Studienabrecher Milliardenunternehmen realisiert haben, rutscht nahtlos in diese Weltanschauung, die eigentlich vor 100 Jahren an die Wand gefahren wurde. An die Wand gefahren von Menschen, die als Führer geboren wurden und die ihre Geführten sprichwörtlich in den Dreck geschickt haben. (Mein Grossvater lässt grüssen  – er lag vor Verdun)

Damit es klar ist, ich bin gegen die Mindestlohninitiative. Und damit auch das klar ist, ich bin für eine angemessene Bezahlung von Mitarbeitern, die Mieten, Steuern und Versicherungen und allgemeine Lebenskosten tragen müssen, genau so, wie Arbeitgeber auch. Der Abstimmungskampf um den Mindestlohn bemüht uralte linke und rechte Positionen und teilt die Welt schön altbacken in Unternehmer und Arbeitnehmer ein. Dahinter tauchen Weltanschauungen auf, die sich vor allem über Angst definieren. Am Ende werden Arbeitnehmer zu Verlierern und Arbeitgeber selbstverständlich auch.

Ein Drittes muss auch klar sein. Es gibt ausbeuterische Unternehmer und es gibt unproduktive Angestellte. Das ist jedoch nicht von Natur aus so, das alles ist die Folge eines Weltbildes, das einteilt, festlegt und definiert. So wie die Diskussion plakatmässig läuft, wird wieder einmal eine Chance vertan, gemeinsam aktiv zu werden und darüber nachzudenken, wie ArbeitnehmerInnen vertieft in unternehmerische Umsetzungen eingebunden werden können. Wer Leute beschäftigt, die mit Berufsmatura und Fachhochschulabschluss oder mit gezielten Weiterbildungen an Hochschulen an ihrer Kompetenz arbeiten, hat es mit einem anderen Kaliber von „Arbeiter“ zu tun, als das was vor 100 Jahren noch gang und gäbe war. Der „Arbeiter“ in der Schweiz ist nicht mehr, was er einmal war und der Unternehmer in der Schweiz sollte auch nicht mehr sein, was er einmal war. Als unternehmerisch ausgerichtete Zeitgenossen -egal ob Selbständiger, Unternehmer, Arbeitgeber oder Angestellte/r – muss es HEUTE darum gehen, gemeinsame Lösungen zu verwirklichen und damit die Schweiz zu einem Leader zu machen, wenn es um Arbeit und Produktivität geht. Arbeit muss sich immer lohnen, egal ob als Mutter, Vater, Partner, Sohn, Tochter, FachspezialistIn oder UnternehmerIn. Wir brauchen Lösungen, die weit über Stechuhrenlogiken und Umsatzgebolze hinaus gehen. Wir brauchen nicht immer mehr Lohn, weil immer alles teuerer wird und wir irgendwie ein „Recht“ auf „immer mehr “ haben.

Wenn in wenigen Jahren ein Spengler oder ein Dachdecker 300 Franken in der Stunde kostet, weil es kaum mehr welche gibt, dann ist da etwas passiert, das mit Weltanschuungen aus dem letzten Jahrhundert ganz einfach nicht mehr zu lösen ist. Eine liberale Ausrichtung im 21. Jahrundert muss sich nicht neu erfinden, sie muss sich jedoch daran erinnern, dass Wirtschaft ein Geschehen ist, das weit über Profitoptimierung hinaus ein schöpferisches Leben ermöglichen will und Wertschöpfung am Ende das Produkt einer Zusammenarbeit ist, wo der Lohn nur ein Bestandteil der Wertschätzung darstellt und der Preis letztlich -bei aller kaufmännischen Professionalität- eine Vertrauenssache ist. Das Vertrauen in die Wirtschaft ist arg angeschlagen, weil es „die von der Wirtschaft (Bosse, Manager, Abzocker, Ausbeuter)“ gibt und „die Anderen“ (Abhängige, Lohnempfänger, Angestellte)“ und weil es eine gesellschaftliche „Ahnung“ davon gibt, dass es „eigentlich“ gar nicht so ist.

Genau wie die Masseneinwanderungsinitiative ein zentrales gesellschaftliches Thema traf (grenzenloses Wachstum), trifft die Mindestlohninitiative ebenfalls ein zentrales Thema (Arbeit im 21. Jahrhundert). Die Ablehnung bedeutet nicht, dass es einfach so weiter geht, wie bis anhin. Wenn das geschieht, dann „fährt das Land an die Wand“ (Gewerbezeitung 25. April 2014) und verpasst die Chance, sich auf anstehende Veränderungen adäquat einzustellen. Gefordert ist nicht nur die Wirtschaft, gefordert ist auch die liberale Politik, die sich mit einer vorwärtsgewandten Denkhaltung und Praxis auf veränderte gesellschaftliche Gegebenheiten einstellt und nicht mehr Karl Marx zitieren muss, um zu zeigen, dass es bei ihm schon Löcher in der Theorie gab.