Die Digitalisierung verändert den Arbeitsmarkt nachhaltig. Die Meinungen über die Auswirkungen gehen weit auseinander. Während die Wirtschaft in Richtung Flexibilität macht, sieht die Politik eine zunehmende Belastung des Sozialsystems durch Menschen, welche durch den Wandel aus dem Arbeitsprozess ausscheiden. marktwärts meint, Recht haben beide.
Für jüngere Arbeitnehmer ohne Familie bieten sich heute eine Fülle von Möglichkeiten der beruflichen Veränderung. Tüchtige und kreative Leute sind gefragt und gesucht. Eine Anstellung bietet jedoch oft nur noch kurz- bis mittelfristige Perspektiven, die ständige Weiterbildung ist eine Voraussetzung für das berufliche Überleben. Das setzt jedoch auch eine persönliche Disposition voraus, die mit dem Unsteten und Ungewissen umzugehen weiss. Intrinsische Qualitäten wie Selbstbewusstsein in den Bereichen Erfolg, Scheitern, Überfluss und Mangel, Begabung und „Talentfrei“ wollen ebenso ausgebildet sein, wie Fachwissen in den beruflichen Feldern.
Für ältere Arbeitnehmer in festen sozialen und geografischen Strukturen (Familie, Haus, Schule, Vereine, Freiwilligenarbeit etc.) entwickelt sich der berufliche Alltag zunehmend bedrohlicher. Wer nicht über spezifische Skills und spezialisiertes Wissen verfügt, hat ab einem gewissen Alter immer weniger eine Chance auf eine Anstellung. Die Forderung der Wirtschaft auf Erhöhung des Pensionsalters erhält hier einen sehr zynischen Beigeschmack.
Politik und Wirtschaft müssen sich selbstkritisch zusammensetzen und Lösungen diskutieren, die über die gängigen Profit- und Sozialhilfe-vorstellungen hinaus gehen. Es braucht Modelle für einen Lebensvollzug mit Perspektiven über die gängige Arbeitnehmer-/Arbeitgebervorstellung aus dem Industriezeitalter hinaus. Es braucht eine Ausweitung der wirtschaftlichen Sicht hinein in die gesellschaftlichen Lebensvollzüge (Freiwilligenarbeit, familiäres Engagement, Care) und es braucht neue Ansätze der Finanzierung von Arbeit, die keine Produkte verkauft, sondern Dienstleistungen in verschiedensten Lebensbezügen anbietet und dort Wertschöpfung (als Erhaltung und Schaffung von Lebensqualität) generiert.
Dafür braucht es Menschen, die sich nicht mehr einfach von gängigen „Arbeitgebern“ abhängig machen, sondern sich selber als Arbeitgeber (an sich selber und ev. an Dritte) verstehen. marktwärts leben heisst, in die Richtung leben, wo Bedürfnisse bestehen und erlebte Mangel- und Problemsituationen gelöst werden können. Da tun sich hinter der materiellen Bedürfnisbefriedigung Felder auf, die kreativ erprobt werden sollten und so eine Alternative zur gängigen Vorstellung von Wirtschaft bilden. Der Umbau des Finanzsystems ist eine grundlegende Bedingung der Gewährleistung von Erwerb. Denn Eines ist gewiss: es wird Verlieren geben im jetzt laufenden Umbruch und es ist die Verantwortung von Wirtschaft und Politik als Gestaltungsträger von Gesellschaft, ihre Rolle wahrzunehmen und Perspektiven zu schaffen, die soziale Spannungen oder gar Brüche vermeidet.
Die Ermunterung zur Wahrnehmung der persönlichen Verantwortung im Umgang mit sich selber als Teil der Gesellschaft ist dabei unerlässlich. Nur Menschen, die sich selber als wirksam wahrnehmen und von daher marktwärts leben wollen, werden aus der Veränderung nicht als ratlose und ausgelieferte Sozialempfänger hervorgehen.
Neueste Kommentare