„Der Kapitalismus in dem wir leben, hält immer noch daran fest, unser Verlangen zu kontrollieren. Deshalb wird er untergehen …“ (…) „Die aufkommende globale Zivilisation bedarf eines grundsätzlich neuen sozialen Entwurfs. (…) Denn unsere institutionellen Vereinbarungen müssen komplett neu gedacht werden; die Privatsphäre, das Recht, die gesellschaftliche Verantwortung, auch Dinge wie unsere eigene Transparenz. Der Überwachungsimpuls hat unser Leben längst kolonisiert.“ Shoshana Zuboff, emeritierte Professorin der Harvard Business School in „Frankfurter Allgemeine“ 11. Februar 2013.
Die in den achziger und neunziger Jahren angekündigte Veränderung findet statt. Sie betrifft sämtliche Ebenen und Felder gesellschaftlicher Organisation und sie ist nicht mit leichten Anpassungen zu meistern. Die technischen Entwicklungen sind lediglich sichtbare Zeichen des Wandels, sie sind Werkzeuge, die den Wandel durch Form und Funktion verdeutlichen und durch ihre stetige Anpassung den Grad der Veränderung dokumentieren (bspw. Mobiltelefone der achtziger Jahre und Smartphones von heute.)
Der Wandel verändert, wie immer schon, die Formen der Lebensgestaltung grundlegend und geschieht – wie schon immer – zwischen den Polen der Kontrolle und des Beharrens und demjenigen des Chaos und der Dynamik. Zuboff spricht von der Informationsgesellschaft, ein Begriff, der seit den neunziger Jahren verbreitet gebraucht wird. Sie meint damit nicht nur die unkomplizierte und rasche Art, Information zu verbreiten, sie meint damit viel grundlegender, dass gesellschaftliche Prozesse Informationsprozesse sind. Die Digitalisierung macht alles, was digitalisiert werden kann, zu Information. Diese Information ist das Material, das für verschiedenste Zwecke aufbereitet und eingesetzt werden kann. Von der Medizin bis zur Kriegsführung, von der alltäglichen Haushaltsführung bis zur Berufsausübung. Zeit und Ort verlieren herkömmliche Bedeutungen, das Leben muss neu ausgerichtet werden. Es entsteht ein menschliches Metasystem, das hochdynamisch Gleichzeitigkeiten von Prozessen erfasst, erkennt, koordiniert. Austausch wird allgegenwärtig, chaotisch und extrem effizient.
Herkömmliches Denken muss fast zwangsläufig die Frage nach der Kontrollierbarkeit der Dynamik stellen und entsprechende Sicherheiten entwickeln, damit das Alles „nicht aus dem Ruder läuft.“ Nach Zuboff ist dieser Prozess in vollem Gange. Was von aussen aussieht, wie eine neue Freiheit mit ungeahnten Möglichkeiten, wird hinter der Oberfläche angebunden an Überwachungssysteme, die dafür sorgen, dass die Kontrolle erhalten bleibt. Facebook und Google sind nach Zuboff solche „hybriden“ Technologien, die vom „alten Denken“ instrumentalisiert werden und bei aller Freiheit, Kontrolle gewährleisten.
Die Zukunft ist grundlegend individuell. Jeder versteht sich als einzigartig und hat die Möglichkeit, diese Einzigartigkeit in noch nie dagewesener Art und Weise auszuleben. Nicht was andere ausgesucht und zusammengestellt haben, wird konsumiert, konsumiert wird, was ich will. Es ist grundsätzlich das Ende der herkömmlichen Massenproduktion, es ist die Entwicklung der Individualproduktion. Nicht mehr pure Menge und Masse bestimmen die Wertschöpfung, sondern die Fähigkeit, individuelle Bedürfnisse erfassen und ins Angebot einbeziehen zu können. Kleider, Mobiliar, Autos, Arbeitsgeräte, Geld etc. alles wird customized, auswechselbar, persönlich.
Ökonomie wird persönlich, jede und jeder trägt ökonomisches Potential unmittelbar in sich. marktwärts heisst, sich dessen bewusst zu sein und im Spiel des Austausches sich und damit das Umfeld zu gestalten. Mit dem eigenen Denken, Verhalten und der eigenen Produktivität und Leistungsbereitschaft. Konsument zu sein reicht nicht mehr aus, Konsumenten sind unmittelbar Produzenten, Entwickler, Kritiker, Erfinder, Verbraucher. marktwärts leben heisst, Kontrolle loslassen, Innovation zulassen und Veränderung veranlassen. Leben wird zum Austauschgeschehen in Meta- und Subsystemen. Sicherheit entsteht dort, wo die Beweglichkeit erhalten bleibt.
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